M i l k S t i l l s

Louise Schmid im Wunderland

Der Titel zu Louise Schmids Zeichenserie ÐãMilks StillsÒ Ð kann einen hšchst ungewšhnlichen †bersetzungsprozess in Gang setzen. ãMilks StillsÒ, mit kunsthistorischer Absicht Ÿbersetzt, zielt auf das Milch-Stilleben: GegenstŠnde werden arrangiert, die im Zusammenhang mit ErnŠhrung stehen. Noch reizvoller ist es, den Titel quasi ernŠhrungsphysiologisch Ð und sprachlich nicht ganz korrekt Ð mit ãMilch stilltÒ zu Ÿbersetzen. So hat man einen Stoffwechsel im Blick, der Ÿber die blosse Nahrungsaufnahme hinaus eine komplexe Mutter-Kind-Beziehung in Gang setzt und somit den Anfang menschlicher Psychologie bezeichnet. Oder man versucht es Ð noch mutiger und sprachlich auch nicht ganz einwandfrei Ð mit ãMilch-StillstandÒ und lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Bildlichkeit, die zwischen Nahrung und Nahrungsentzug, somit zwischen FŸlle und drohendem Verlust pendelt.

Wer Louise Schmids Zeichnungen betrachtet, bemerkt, dass von allen †bersetzungsversuchen etwas greift. Die Komposition von GegenstŠnden auf den BlŠttern reicht in das Genre des Stilleben hinein, in Gefilde, die mit FŸlle und Verlust, mit NatŸrlichkeit und KŸnstlichkeit, Nahrung und Tod zu tun haben. Nature morte, der franzšsische Begriff fŸr Stilleben trifft genau diesen Moment. Der Arm eines Skelettes greift ins Leere, der Hase hoppelt eingeklemmt zwischen Propeller, StŸhlen und Spiegeleiern, aus den ReagenzglŠsern tropft rote und weisse FlŸssigkeit. Auf den dŸnnen Zeichenpapieren sind mit weisser Deckfarbe milchŠhnliche Kleckse Ÿber die zeichnerischen Arrangements verstreut. Mal in grossflŠchigen Lachen, mal zaghaft tršpfelnd wie aus einer versiegenden Quelle.

Der Zeichenserie ãMilk StillsÒ geht eine seltsame Spekulation der KŸnstlerin Ÿber die Wahrnehmung und Phantasie von Kleinkindern voraus. Entwicklungsphysiologie und Ðpsychologie wollen bewiesen haben, dass der SŠugling noch nicht unterscheiden kann zwischen seinem Selbst und dem anderen, zwischen Innen und Aussen. Da das Kleinkind noch keine Sprache hat, ist es schwierig festzustellen, was es wahrnimmt, wie Brust suchen, Trinken, Schlafen in seiner Wahrnehmung ablaufen, ob es einen Geschmack bei der Muttermilch feststellt. Wie dem auch sei: Die Muttermilch ist der erste Stoff von aussen, welchen das Kind nach der Geburt aufnimmt.

Wenn man nun die Zeichnungen von Louise Schmid betrachtet, ahnt man einiges vom Wesen der Spekulation Ÿber Wahrnehmung, welche die KŸnstlerin im Blick hat. Es kommt nicht in erster Linie unsere Erwachsenenwahrnehmung zum Zug, sondern ein hšchst seltsames Arrangement von GegenstŠnden, das mehr auf die Unwirklichkeit von Welt zielt als auf ihre Realistik. Ausgehend vom Realen, entsteht die Phantastik dieser Kunstwelt aus einer Mischung von Isolierung und Kombinatorik. Auch wenn die gezeichneten Sujets Ð BŸgelbretter, Tassen, Nadeln, Spritzen, Schellen, BlŸtenblŠtter, KopffŸssler, Pilze, Eier, HŠnde Ð aus der realen Wahrnehmungswelt herausdestilliert sind und erkennbar der Welt der mšglichen und bekannten Dinge entstammen, arbeitet die KŸnstlerin gleichwohl daraufhin, diese GegenstŠnde losgelšst von ihrem Kontext in Šusserst ungewšhnlichen Kombinationen ins Bild zu setzen, so dass man sie zwar benennen, aber zwischen ihnen keinen direkten Bezug herstellen kann. Dergestalt entsteht das Surreale, das Unheimliche, das den Momenten der †berraschung und unerwarteten Wendung folgt. Louise Schmids Zeichnungen zeigen diesen Moment der Wende im unprŠtentišsen Nebeneinander von scheinbar harmlosen Dingen. In loser Koppelungen treten die GegenstŠnde nach und nach miteinander in Beziehung und erzŠhlen neue Geschichten. Zum Beispiel von den Milchtropfen, die um die vielen FlŸgel eines Ventilators herumtanzen. Kleines und Grosses, Harmloses und GefŠhrliches, Festes und Fragiles finden durch den Zeichenstift und die spŠrlich gesetzte Gouachefarbe zueinander, losgelšst von einem konkreten Hintergrund, aber doch in so unmittelbare NŠhe gerŸckt, dass sie sich gegenseitig kontaminieren. Diese Kontaminierung findet seinen Ausdruck in einem neuen Inhalt.

Um zur Spekulation der KŸnstlerin Ÿber die Wahrnehmung des Kleinkindes zurŸckzukommen: Suggeriert wird in diesen Zeichnungen eine Art von vorurteilsloser Wahrnehmung, die alles miteinander in Beziehung setzen kann und so die Welt nicht einfach als parzelliertes Nebeneinander zeigt, sondern als Ensemble von realistischen und ebenso versponnen VersatzstŸcken. Die Zeichnungen Louise Schmids machen uns diese Welt in jenem Moment vertraut, in dem die VersatzstŸcke einander zu stillen beginnen.

Sibylle Omlin